Kreuzung / Crossing, 1994

Ausstellung Rheda-Wiedengrück

In 1994 war ich eine von 15 StudentInnen, die in einen öffentlichen Park in Rheda-Wiedenbrück eingeladen wurden, um dort für drei Wochen zu leben und zu arbeiten. Das Ende dieses "Symposiums" wurde mit einer Ausstellung beschlossen, die in der alten Orangerie des Parkes sowie im Aussengelände stattfand.

Die zwei Arbeiten, die ich während des Symposiums fertigstellen konnte, reflektieren eine Vorangehensweise und Fragestellung, die immer noch relevant für meine Arbeit ist.

Ich war interessiert daran direkt, mit den Elementen zu arbeiten, mich mit dem auseinander zu setzen, was schon da war und nicht noch etwas obendrauf zu setzen. Teile des Gartens waren in ihren Urzustand zurückversetzt, Feuchtwiesen, die einen sehr hohen Grundwasserspiegel aufweisen. Dies wurde im Park durch Informationstafeln verdeutlicht, Zeichnungen, Querschnitte des Bodens, die entlang des Weges aufgestellt waren.

Ich begann mir den Grundwasserspiegel als eine Schicht von Wasser vorzustellen, die wie eine Masse den Erdball umgibt, sich auf und ab bewegend und kontinuierlich auf die menschliche und die natürliche Welt einwirkend.

[Bewegen Sie den Mauszeiger über die Diashow, um diese zu stoppen. Klicken Sie auf ein Bild, um es zu vergrößern]

Rheda-Wiedengrück; ca. 4 m x 4 m

Das Projekt "Kreuzung" begann mit der Bezeichnung eines Punktes durch ein x auf einer Landkarte. Der entsprechende Platz befand sich inmitten einer Feuchtwiese und zusammen mit einem Kollegen, Friedemann Grieshaber, zog ich aus, um ein Loch in der Form eines Kreuzes aus dem Boden zu heben. Unsere Körper dienten als Maßstab (Länge und Breite) für jede der vier Achsen des Kreuzes. Wir gruben mehrere Schichten des Erdbodens aus bis wir auf Grundwasser stießen. Die Idee dabei war, den Boden für einen Blick in das sonst geschlossene System zu öffnen, um es darauf wieder mit den zuvor herausgenommenen Erdschichten zu bedecken. Die verschiedenen Erdschichten wurden in umgekehrter Reihenfolge wieder in die Öffnung gepackt. Was übrig blieb, war ein Berg von aufgeschichteter Erde in der Form eines Kreuzes, auf dem bald wieder Gras wachsen würde, bis er schließlich von der Natur wieder verschlungen wurde. Wir fertigten ein Schild an, das am Wegesrand installiert wurde und den Platz der Grabung mit einem Pfeil andeutete, sowie die Form der Grabung, ein x in einem Kreis. Eine Diaserie, die die Aktion dokumentierte, wurde während der Ausstellung gezeigt und der folgende Text wurde publiziert:

Mit Landschaft arbeiten. Mit Natur arbeiten. In einem Naturschutzgebiet. Aber auch in einem Park. Besuchsgelände.

Was liegt näher als direkt mit den Elementen zu arbeiten? Nichts einfügen, nichts dazusetzen, sondern nehmen, formen, wiedergeben.

Der Park ist Lebens- und Arbeitsraum. Zwei Extreme nähern sich an: geometrisch gestaltete Gartenflächen, geordnet, angepasst, gestutzt, nach Farben sortiert, mit Unkrautvernichter bespritzt, bewacht, gewartet. Und Naturschutzgebiet, verwildert, ungewohnt, nicht gedüngt, vielfältig, fremd, vertraut, für Besucher teilweise gesperrt, grün, sumpfig, modrig, belebt.

Der gewählte Ort ist ungestaltetes Gelände. Fläche gerahmt von Bäumen, Beeten, Wegen.

Die Idee ist ein Volumen, eine Form, die in die Erde, den Boden versenkt werden soll. Eine Skulptur, die nicht sichtbar ist. Vielleicht Spuren, die aufmerksam machen. Eine Form, die nicht einfach konsumierbar ist. Sie ist gemacht, also ganz da. Sie stellt sich dem Element Wasser entgegen.

Wir graben ein Loch in Form eines Kreuzes, Kreuz im Sinne von Kreuzung, Bestimmung eines Punktes in den Feuchtwiesen.

Mit Spaten und Schaufel entnehmen wir Erde in Schichten bis Grundwasser den Boden des Loches bedeckt. Es ist wie eine neue Öffnung in unserer Welt. Eine sonst unsichtbare Ebene, alles verändernd als wesentliches Element der Erde. Grundwasser zeigt sich und bleibt ungewisse Masse, Schlamm, Wasser, Spiegelbild. Blick in den Himmel in der Erde. Geschlossenes System.

Es regnet. Das Wasser gräbt. Es bleibt Bewegung, Reibung, Schlamm. Die Öffnung des Bodens ist wie eine Störung. Alle Massen ziehen sich langsam zu. Sacken ab. Wollen sich schließen.

Wir schliessen unsere Form mit den vorher ausgehobenen Massen. Sichtbar bleiben Spuren. Ein Trampelpfad durch die Wiese, markiert von einem Schild am Rand des Weges. Eine gemähte, kreisförmige Fläche. Mit Erde verdrecktes Gras. In Kreuzform abgenommene Grasdecke, aufgewühlte Erdschichten. Mit der Zeit werden die Spuren verwischen. Die Elemente schließen den Kreis.

Wichtig ist das Wissen um den Prozess. Die Beschäftigung im Inneren der eigenen Person wie im Inneren der Erde. Nicht Skulptur konsumieren, sondern suchen nach Konzentration. Nicht sofort sehen und begreifen. Sich öffnen und auf einen Weg einlassen. Ganz einsinken. Vielleicht auch nicht eindeutig verstehen, sondern auf die Suche gehen.

Juni 2007 – Copyright Vanessa Paschakarnis